Drey scheenschte Dääg in Basel

City of Basel in SwitzerlandFotolia

Wenn der Rest Europas fertig ist, feiern die Basler ihre Fasnacht. Aber auch an den übrigen 362 Tagen im Jahr lässt uns die Nachbarstadt staunen

Aschermittwoch. Es ist vor­-bei. Halb Europa atmet nach Karneval und Fasnacht erschöpft durch und kommt langsam wieder auf normale Betriebstemperatur. Da geht es in Basel erst richtig los. Am Montag nach Aschermittwoch feiern die Basler ihre „drey scheenschte Dääg“ (drei schönsten Tage). Auftakt ist der „Morgenstraich“ Punkt vier Uhr, und exakt 72 Stunden später wird mit dem „Endstraich“ der Schlussstrich gezogen.
Unsere Schweizer Nachbarn kommen „hinterher wie die alt‘ Fasnacht“. Kein Spott! Was sich als höhnische Redensart erhalten hat, ist historisch begründet. Als 1091 die Sonntage von der Fastenzeit ausgenommen, die 40 Fas­tentage jedoch beibehalten wurden, verschob sich Fasnacht um sechs Tage nach vorne. Bis die Reformation alles wieder rückgängig machte. Die protestantische Fasnacht, wie sie in Basel und auch im angrenzenden Markgäflerland gefeiert wird, findet also am ursprünglichen Termin statt.
Die Basler, sie ticken nicht langsamer, ein wenig anders sind sie aber schon. Sehr schweizerisch eben, obwohl sich die 170 000-Einwohner-Stadt, die drittgrößte nach Zürich und Genf, so hautnah an Deutschlands und Frankreichs Grenzen schmiegt, dass man meinen könnte, alles fließe ineinander. Tut es in gewisser Weise auch: Allein 50 000 Berufspendler kommen Tag für Tag in die kleine Großstadt am Rhein – wahrhaftig ein europäisches Haus.
Wir Deutschen haben es leicht in Basel. Man versteht sich. Die gemeinsame Sprache verbindet – und ist zugleich ein großes Missverständnis. Denn Deutsch ist für die Schweizer die erste Fremdsprache. Selbst die Basler sprechen untereinander nur Baseldütsch, einzig für ihre Nachbarn bemühen sie sich um ein Hochdeutsch, dessen typischer Akzent so sympathisch klingt. Es gibt Stimmen, die von zwei verschiedenen Kulturkreisen sprechen, was einigermaßen übertrieben ist. Dennoch sind da Unterschiede. So sind die Schweizer zurückhaltender, höflicher, diplomatischer –
in ihrem ganzen Wesen.
Die Basler Fasnacht ist ein gutes Beispiel für die Zurückhaltung. Im Gegensatz etwa zum jecken Kölner Wahnsinn ist das Publikum nicht verkleidet. Lustige Schminke und bunte Kostüme sind ebenso verpönt wie lautes Gejohle und übermäßiger Alkoholkonsum, obwohl die Kneipen und Restaurants in den 72 Stunden durchgehend geöffnet haben. Nur die aktiven Gruppen tragen Masken, Larven genannt, und Vollverkleidung ist Pflicht. Die Zuschauer aber schweigen und genießen. Vor allem beim Morgenstraich, um den feierlichen Moment nicht zu stören, wenn um 4:00:00 Uhr in der Stadt alle Lichter ausgehen und die riesigen selbst bemalten Laternen der Cliquen (Gruppen) entzündet werden.
Von da an ist Basel drei Tage lang erfüllt von Pfeifen, Trommeln und Guggemusik. Themenwagen schieben sich durch die Gassen und Straßen, sogenannte Schnitzelbanksänger machen sich mit bissigen Texten über Gott und die Welt im Allgemeinen und über Politiker im Besonderen lustig.
Es gibt zwei feste Umzugsrouten, die Cortèges, auf denen die Cliquen durch die Stadt zirkulieren, vorbei an der Kunsthalle und den um sich spritzenden Figuren des Tinguely-Brunnens, über den zentralen Barfüsserplatz und weiter zum Marktplatz mit dem scharlachroten Rathaus, das durch seine intensiven Farben und die Verzierungen in gold, grün und blau aussieht, als sei es aus einer Buchmalerei gefallen. Auch der Innenhof ist ein fürs Auge überwältigendes Erlebnis. Dann geht es hinab zum Rhein und über den Fluss nach Kleinbasel. Konfetti fliegen. Vorsicht, wer als Zuschauer keine bezahlte Fasnachtsplakette trägt, riskiert, mit einer Ladung der bunten Papierschnipsel ausgestopft zu werden. Hoppla!
Aber sie machen das wieder gut, die Basler. Spätestens, wenn man auf die Tür einer Kirche, eines Geschäfts oder eines Museums zusteuert. Bestimmt ist da jemand, der diese in ausgesuchter Höflichkeit jedem Nachfolgenden aufhält. Der in der Schweiz lebende Deutsche Jens-Rainer Wiese, der sich in seinem Internet-Blog (www.blogwiese.ch) auf sehr unterhaltsame Weise mit den Eigenarten der Schweizer auseinandersetzt, hat dazu Beobachtungen über die Distanz angestellt. Er kommt zu dem Schluss: „Wer unter sieben Meter Abstand zum Näch­sten eine Tür zuschnappen lässt, outet sich unweigerlich als ungehobelter Deutscher.“
A propos Museen. Es wäre ein Fehler, nur an Fasnacht nach Basel zu kommen, denn an den drei schönsten Tagen sind diese geschlossen. Doch Basel ist eine Weltmetropole der Kunst. Keine andere europäische Stadt dieser Größe bietet eine vergleichbare Dichte an hochkarätigen Museen, allen voran die Fondation Beyeler mit ihrer Sammlung der klassischen Moderne und zeitgenössischer Werke. Ganz selbstverständlich schicken die Basler ihre Besucher auch ins Vitra Design Museum nach Weil am Rhein, obwohl das auf deutscher Seite liegt – auch eine Geste der Verbundenheit unter den Nachbarn.
Spektakulär sind auch die Museumsbauten, die sich wie ein „Who is Who“ der Stararchitekten dieser Welt lesen: Renzo Piano hat die Fondation Beyeler in Glas gehüllt, Frank Gehry schuf das Vitra Design Museum, Mario Botta das Museum Tinguely, in dem sich eine begehbare Meta-Monster-Maschine des Schweizer Künstlers auf Knopfdruck ratternd, scheppernd und klingelnd in Bewegung setzt, wildgewordene Wischmopps auf Bohrmaschinen wirbeln und Rinderschädel einen quietschenden Totentanz anstimmen. Und dann ist da noch die Art Basel, die jedes Jahr im Juni die internationale (Kunst-)Welt in Schnappatmung versetzt. Sie ist die wichtigste Kunstmesse überhaupt, inzwischen sogar mit einem Ableger in Florida: die Art Basel Miami.
Es wäre gleichfalls ein Fehler, Basel nur zur kalten Jahreszeit zu besuchen und nicht zu erleben, wie an warmen Tagen das mediterrane Lebensgefühl erwacht. Dann treffen sich die Basler auf der Sonnenseite ihrer Stadt, an der Rheinpromenade mit den Steinterrassen auf Kleinbasler Seite, auch Basler Riviera genannt. Man sitzt, flaniert, genießt, lässt den Blick hinüber zum sandsteinroten Münster schweifen und am Stadtpanorama von Großbasel entlangspazieren, untermalt von Gitarrenklängen. Boulespieler lassen ihre Kugeln klackern. Befragt nach ihrer Meinung zum Unterschied von Baslern und deutschen Nachbarn, antwortet einer der älteren Herren diplomatisch: „Wir sind doch alle Badener.“ Da ist sie wieder, die Schweizer Höflichkeit.
Mit diesem Satz spielt er aber auch darauf an, dass Kleinbasel im ausgehenden Mittelalter zum Bistum Konstanz gehörte, bis es 1392 vom reichen Großbasel gekauft wurde. Lange galt es als minderwertiges Basel, und bis heute streckt die Maske des Lällekönigs am Eckhaus an der Schiffslände 1 hämisch die Zunge heraus, gen Kleinbasel, gen Deutschland.
Die Distanz zwischen Klein- und Großbasel lässt sich indes auch anders überwinden – auf so traditionsreiche wie charmante Weise: mit einer der kleinen Rheinfähren, die etwa Vogel Gryff heißen und am Stahlseil, nur mit der Strömung, „über dr Bach“ (so steht es dort) schaukeln und in den Wellenbergen der vorbeiziehen Frachtkähne zuweilen wilde Tänze vollführen.
Wer nun eine Stärkung braucht, kann dafür ungewöhnliche Orte aufsuchen. Etwa das Café in den heiligen Hallen der Elisabethenkirche oder eine Ex-Kathedrale des Geldes: Im Unternehmen Mitte in der Schalterhalle der ehemaligen Volksbank (Gerbergasse 30) werden heute Latte macchiato und Limo statt Aktienpakete angeboten. Gediegener geht es in Traditionslokalen zu wie Zum Braunen Mutz am Barfüsserplatz, wo bunte Fasnachtsmotive die Lampen schmücken und daran erinnern, dass das Basler Jahr aus 362 Tagen und „drey scheenschte Dääg“ besteht.

Autorin: Dorothee Fauth

Leave a reply

You must be logged in to post a comment.

Angebote zum Thema

Haarbürsten-Set

Bisher: 39,95 € Jetzt: 24,95 €

Windlicht aus Gusseisen

Preis: 37,95 €

Gesund bleiben - Mehr Fitness für den Stoffwechsel

Preis: 2,99 €

Wein-Paket "Müller-Thurgau"

Preis: 49,95 €

Iss dich gesund

Bisher: 39,90 € Jetzt: 29,95 €

Nistkasten mit spitzem Rindendach

Preis: 19,90 €

Fisch-Rillettes (3er Set): Tunfisch, Lachs, Makrele

Preis: 28,95 €

Karel Gott - Die goldene Stimme aus Prag - Das große Starporträt (4 ...

Preis: 49,95 €

Deutsche Redewendungen und was dahintersteckt

Preis: 39,95 €

Kleider-Dampfreiniger

Preis: 44,95 €

ACTION 60. Feuchtigkeitsspendende Tagescreme

Preis: 29,95 €

Medizin im Fokus 2015

Preis: 9,99 €


zum Shop